gardening

„Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am seltensten und kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum. Er ist Stellvertreter der Natur, in dem wir Geist, Wissen und Handwerk wieder gebrauchen im sorgsamen Umgang mit der Welt und ihrem Mikrokosmos, dem Garten.“ [1]

Die Möglichkeit zur Partizipation als Messlatte für gelungenes Design ist erstrebenswerter Gegenpol zum verschlüsselten, chiffrierten Design und seinen undurchschaubaren Produkten, die dem Nutzer lediglich Handlungsoptionen zur Verfügung stellt, ihn aber nicht tatsächlich partizipieren lässt. Durch die Partizipation am Garten werden nicht nur Nutzpflanzen, sondern wird Erfahrung kultiviert, mithin die „eigene Kraft wiedererobert“.

„Eine andere Gestaltung für eine andere Entwicklung ist eine partizipative Gestaltung (…) nämlich die Abschaffung der Fetische, das Ende der Entfremdung, die Entzauberung der Gestaltung, kurz und gut, die Wiedereroberung der eigenen Kraft des Menschen“[2]

Der Garten ist Ernährer und Lebensraum, Lernort, Oase, Heimat – ein komplexes Kunstwerk, dem mit Design allein nicht beizukommen ist. Er gestaltet sich auch selbst. Wenn wir uns mit dem Garten beschäftigen, beschäftigen wir uns mit „jenem Kunstwerk, von dem Kant gesagt hat, dass es das vollkommenste überhaupt wäre…“, wir beschäftigen uns mit urbanen Gärten, mit mikroökonomisch agierenden Hausgärten, mit Schreber- und Gemeinschaftsgärten, mit innerstädtischen Grünflächen als potenzielle Gärten – mithin mit einer genuin menschlichen Kulturtechnik: der Verwandlung eines Stück Lands in urbares Land, kurz: mit Urbanität. Der Garten ist seit jeher Artefakt, das das schlichte Überleben sichert und gleichzeitig das Potenzial hat, zum Kunstwerk zu werden. Der Kulturauftrag, den der sich dem Garten widmende Mensch erfüllt, ist ein mehrschichtiger: Neben dem Erhalt und der Weitergabe von Saatgut und dem Sortenerhalt, dem Wissen um die regional spezifischen Eigenheiten der Sicherung der Lebensgrundlagen, neben Kompost, Würmern und Schnecken denken wir beim Garten auch an den „Garten Petrarcas (…), Orsinis (…) Wald, (…) Le Nôtres Vaux und Lancelot Browns arkadische(n) Landschaften…“[3][4].

[1] Dieter Kienast: Sehnsucht nach dem Paradies, in: Professur für Landschaftsarchitektur ETH Zürich (ed.): Dieter Kienast – Die Poetik des Gartens. Über Chaos und Ordnung in der Landschaftsarchitektur, Basel 2002, S. 76.)
[2] Claude Schnaidt: Der Anfang vom Ende des Produktivismus, in: Hochschule für Künste Bremen (ed.): positionen zur gestaltung, 1995, S.63, 66
[3] Dieter Kienast, a.a.O., S. 71.
[4] Speziell mit Blick auf Kassel fallen uns neben den Schrebergärten die Gemeinschaftsgärten in der Unterneustadt, der ForstFeldGarten, das Gartenprojekt am Huttenplatz und das Permakulturprojekt am TRA.fo-Häuschen genauso ein wie die landwirschaftliche Versuchsbetrieb Domäne Frankenhausen, der Waldhof und der Schlosspark Wilhelmshöhe, inzwischen Weltkulturerbe. Es darf hinsichtlich der vielschichtigen Verzahnungen von Natur und Kunst, von Gärtnern, Nähren und Lustwandeln und auch der spezifisch lokalen Situation als Geniestreich von Carolyn Christov-Bakargiev bezeichnet werden, einen Teil der dOCUMENTA (13) in die Karlsaue in Kassel verlegt zu haben.